„Das größte Mysterium im Leben ist nicht das Leben selbst, sondern der Tod.
Der Tod ist der Höhepunkt des Lebens, die endgültige Blüte des Lebens. Im Tod wird das ganze Leben zusammengefasst, im Tod kommst du an. Das Leben ist eine Pilgerreise zum Tod. Vom Augenblick der Geburt an beginnt der Tod, zu dir zu kommen, du fängst an, dem Tod entgegenzugehen.
Und das größte Unglück, das dem menschlichen Verstand widerfuhr, ist, dass er gegen den Tod ist. Wenn du gegen den Tod bist, entgeht dir das größte Geheimnis. Und gegen den Tod sein heißt auch, dass dir das Leben selbst entgeht, denn sie sind tief miteinander verwoben.
Der Tod muss als Crescendo begriffen werden. Dann entsteht eine andere Sichtweise. Dann vermeidest du den Tod nicht- dann beginnst du, darüber nachzudenken und darüber zu meditieren.“
Mit diesen Worten meines Lehrers, die ich zum ersten Mal vor mehr als 30 Jahren hörte, und die mein Leben veränderten, begann meine Suche nach dem Mysterium unseres Lebens; einem Leben ohne Ängste.
Wir leben bewusst oder unbewusst in Angst vor den Herausforderungen des Lebens, vor dem Tod, vor tiefer Liebe, vor dem Altern und Krankheit, vor den ständigen Veränderungen des Lebens. Mein tiefstes Verlangen war, mein Leben nicht mit subtilen oder offensichtlichen Ängsten zu vergeuden, weil ich schmerzhaft erkannte, dass Angst die Qualität unseres Daseins zerstört.
Diese spirituelle Suche brachte mich später auch zu der Begleitung Sterbender, in ihrem Zuhause, in ihrer Gemeinschaft, oder in Kliniken.
Meine Arbeit mit Sterbenden war ein Privileg. Ich wurde allein durch die Teilnahme an dem Prozess transformiert, mir wurden „Gott“ und „das Mysterium“ bewusster.
Mit Sterbenden zu arbeiten bedeutet in Martin Bubers Worten, „sein eigenes Selbst auf geheimnisvolle Weise im strömenden Leben des Universums miteinbezogen zu wissen.“
Das Leben selbst zeigt sich in seiner großen und pulsierenden Schönheit als das, was in Wirklichkeit unsere wahre Natur ist, unser ursprüngliches Gesicht, wie es im Zen heißt; es geht weit über alles hinaus, was wir uns vorstellen könnten. Die Transformation, die wir im Sterben beobachten, bringt jene tiefen Strömungen eines höheren Bewusstseins in einen schärferen Fokus, die uns immer getragen haben und uns immer tragen werden- und auf dem Weg der Rückkehr werden diese tiefen Strömungen des Bewusstseins zunehmend in unserem eigenen Wesen aktiviert, sie krönen unser Leben.
Die sich entwickelnde Sicht über das Sterben als Prozess von tiefer spiritueller Bedeutung ist nichts anderes als ein Ausdruck einer unendlichen und evolutionären Dynamik.
Die Sicht dieses Buches, den Sterbeprozess als einen Übergang, der mit Gnade erfüllt ist, zu verstehen, ist ein Ausdruck unserer Zeit. Es entsteht als eine Konsequenz unserer größeren Bereitschaft, den Tod zu erforschen, ihn uns im Herzen und im Geist näher zu bringen, und aufzuhören, die Wirklichkeit unserer Sterblichkeit auf Distanz zu halten. Es entsteht, während wir als eine reifer werdende Kultur beginnen, den Tod als einen Teil des Lebens anzunehmen, und unsere Liebsten einzuladen, in unserer Mitte zu sterben und das Mysterium einzuladen.
Die Vorstellungen, mit denen wir in unserer Kultur Tod und Sterben sehen, haben sich in den letzten Jahrzehnten subtil verändert – sie bewegen sich zwischen Dunkelheit und einer sich ausdehnenden leuchtenden Weite. Sie sind zunehmend von Licht erfüllt. „Sterben“ erhebt sich aus einem geflüsterten Schattenbereich in ein Bewusstsein von offenherzigem Erforschen.
Ich trage zwei Bilder aus meiner Geschichte in mir, die diesen Bewusstseinswandel über Sterben zeigen.
Eines ist das Sterben einer geliebten Tante vor 42 Jahren an Brustkrebs ,
das andere das Sterben eines Freundes vor wenigen Jahren an Aids.
Meine Tante starb einsam in einem sterilen Krankenhauszimmer. Vor mir, dem jungem Menschen, wurde ihr Sterben versteckt. Bei meinem Besuch bei ihr vermisste ich Ermutigungen der Anwesenden, mit ihr über ihren offensichtlichen Tod zu sprechen. In ihren Augen sah ich Einsamkeit und den unendlich tiefen Schmerz, ihren Mann und drei Kinder zurückzulassen. Ich war selbst voller Angst vor der seelischen Tiefe dieses Menschen, den ich so liebte, der mir viel menschliche Wärme gegeben hatte. Niemand in unserer Familie hatte je darüber gesprochen, was es bedeutet zu sterben, und wie wichtig es ist, dem Sterbenden zuzuhören, seine Liebe auszudrücken; dass wir dem Sterbenden helfen können, indem wir ihr/ ihm versichern, dass für die zurückbleibenden Kinder gesorgt ist und dass unser Leben mit liebevoller Erinnerung an sie weitergehen wird.
Ich konnte damals keine Worte finden, um mit meiner Tante über ihre Religiosität zu sprechen, ich wusste absolut nicht, was zu tun war. Ich erinnere mich daran, dass sie sehr ängstlich aussah, dass sie Schmerzen hatte, aber ich konnte auch meiner Traurigkeit keinen Ausdruck verleihen. Niemand im Krankenhaus hatte den Mut, obwohl sie offensichtlich so nahe am Tod war, auch nur ein Wort über Tod auszusprechen. Ich bin sicher, dass ihre Familie alles gegeben hätte, um in den letzten Stunden ihres Sterbens bei ihr zu sein, aber sie starb einsam in der Nacht.
40 Jahre später starb mein Freund. Auch er ging durch Zeiten von großer Angst; aber mit allen Informationen, die verfügbar waren, mit einer ehrlichen Vorbereitung auf sein Sterben durch Meditation, einer tiefen aufrichtigen Lebensrückschau; durch sein liebevolles Abschiednehmen von den Menschen, die in seinem Herzen waren, und auch mit Unterstützung von gezielt eingesetzter Schmerzmedizin, konnte er sich der Transformation des Sterbens hingeben. Alle seine Freunde hatten die Gelegenheit, ihm zu sagen, wie sehr sie ihn liebten, warum sie ihn liebten, ihm Frieden zu wünschen; viele kamen zu seiner Abschiedsfeier, die er schon einige Wochen vor seinem Tod gab; und die Menschen, die ihm am nächsten waren, konnten dabei mit ihm sein , mit ihm beten und ihn nach seinem letzten Atemzug einen Teil des Weges in die ewige Stille des Übergangs begleiten. Er verbrachte seine letzten Wochen Zuhause, getragen von liebevollen Menschen, die sich abwechselten in seiner Betreuung, die sich um die von ihm gewünschte Schmerzmittelversorgung kümmerten, mit ihm sangen und Musik hörten, mit ihm meditierten, manchmal Videos mit ihm sahen oder spirituelle Vorträge hörten, mittags mit ihm im Garten saßen, die wenige Nahrung, die er zu sich nehmen konnte, liebevoll zubereiteten, und zuhörten, wenn er über sein Leben und die schönen Dinge sprechen wollte, die er erlebt hatte, die mit ihm lachen und weinen konnten - ohne Angst vor der Wahrheit seines bevorstehenden Todes, vor den schwierigen Momenten des Chaos, und vor der intensiven Stille, die sich immer öfter einstellte. Nach dem Abschiedsfest, kurz vor seinem Tod, wurde er noch einmal sehr lebendig, die Flamme seines Lebens brannte noch einmal ganz hell, bevor sie verlöschte.
Wie dankbar wir sein können, dass wir in unserer Sicht über Leben und Sterben
so weit gekommen sind !
Dem Tod näher zu kommen erlaubt uns, die Zerbrechlichkeit, das Vergängliche des Daseins mit tiefem Mitgefühl und respektvollem Verständnis für die Schwierigkeiten, ein Mensch zu sein, zu sehen. Der Urgrund des Seins, das Eine, das Göttliche, das universelle Bewusstsein, zeigt sich uns, und enthüllt dabei mehr und mehr von der nicht endenden Durchdringung der Welt der Formen durch die Welt des Formlosen. Die Implikationen einer Sicht von solch tiefem Verstehen waren einstmals nur wenigen Individuen durch lange kontemplative Praktiken möglich.
Wenn wir dem Tod erlauben, etwas näher zu kommen, und die Schleier beiseite ziehen, die unsere Sicht verhüllt haben, können wir diesen Urgrund des Seins jetzt in unserem Leben erkennen. Diese Einsichten in die Beschaffenheit des Bewusstseins und die Beschaffenheit der Wirklichkeit steigen vor unserem inneren Auge auf und ziehen uns mit ihrer Weisheit in der intuitiven Erkenntnis ihrer Wahrheit an.
Während wir uns unserem Leben öffnen, uns unserem Tod öffnen, können wir in zeitgemäßen Begriffen über diese Erkenntnisse sprechen, die durch spirituelle Weisheit von Jahrhunderten bestätigt werden und die Kraft der Gegenwart haben.
Die Transformation des Sterbeprozesses mit Rezeptivität zu beobachten, daran teilzunehmen, wie ein Mitmensch tiefe Gnade erfährt, ist unvergesslich und unbeschreiblich.
Mutig, aufrichtig und ehrfürchtig öffnen wir uns für neue Ebenen des Seins. Diese Qualitäten lassen die Entstehung neuer Ebenen von Verstehen und Ausdruck zu, in jedem von uns als Individuum und in der Kultur, die wir kollektiv erschaffen. Wenn wir uns an dieser Stelle der Evolution selbst anschauen, sehen wir die Gelegenheit, in ein tieferes Begreifen der Natur der Wirklichkeit einzutreten. Wir sehen die Gelegenheit, um jetzt damit anzufangen, unsere Vorstellungen über das Leben - und unsere Erfahrung darin - auszudehnen. Das Leben selbst ruft uns. Das Leben selbst möchte uns die wertvolle, unendliche, endlose und immer gegenwärtige Natur des Bewusstseins enthüllen. Das Leben heißt die angstvolle Kontraktion, die wir unser Selbst nennen, willkommen, sich zu entspannen.
Die meisten von uns, die dies lesen, werden innerhalb von 50 Jahren bei einem Sterben gegenwärtig sein – und sie werden selbst tot sein .Wir werden die Erfahrung des Sterbens von innen her machen, während unser Bewusstsein sich von diesem Körper, in dem wir gegenwärtig leben, löst, während wir wieder mit dem Urgrund des Seins verschmelzen, aus dem wir einst hierher gekommen sind. Wir werden in uns selbst erkennen, dass die Tragödie nicht das Sterben ist, sondern vom Leben abgeschnitten zu sein.
Ich habe sagen gehört, dass unsere Kultur nicht so sehr unter den Kräften der Dunkelheit leidet, sondern unter der Macht der Oberflächlichkeit.
Wir werden in dem Moment Gnade erfahren, in dem wir Leben jenseits unserer verkrampften Selbstdefinition erfahren, in dem Moment, in dem wir die Scheuklappen abnehmen und in dem erstrahlen, was sich jenseits des „Ich“ befindet.
Ein buddhistischer Philosoph sagt es so: Dies ist in Wirklichkeit die Aufgabe der Qualität von Gnade: nämlich die Rückkehr des Menschen zum Zentrum zu ermöglichen . Es ist genau die Anziehungskraft des Zentrums selbst, die uns auf verschiedenste Weise enthüllt wird, die den Anreiz und die Energie liefert, sich auf den Weg zu machen, den vielfältigen Hindernissen gegenüberzutreten und sie zu überwinden. Und ebenso ist Gnade die willkommene hilfreiche Hand, wenn der Mensch sich endlich an der Grenzlinie befindet, wo alle bekannten menschlichen Markierungen verschwunden sind.
Gnade ist der gemeinsame Faden, der Sterben, meditative Praktiken und spirituelles Wachstum verbindet.
Gnade ist die Grundlage ihrer essentiellen Einheit. Die essentielle Einheit von Sterben, von Meditationspraktiken und spirituellem Wachstum wird immer offensichtlicher. Die Transformation im Bewusstsein, die in diesem Buch beschrieben wird, wird in uns geschehen, durch ein Echo in unserem gegenwärtigen Denken, sie wird unser Wesen erfüllen, und sich in der Kultur widerspiegeln, die wir täglich erschaffen. Dies hat große Implikationen für jeden von uns. Es lässt uns einen näheren Blick auf die Natur des Todes werfen, und wie wir künftig uns selbst und einander an der Schwelle des Lebens begegnen wollen - und es lässt uns einen näheren Blick auf die Natur des Lebens werfen, wie wir künftig uns selbst und anderen mitten im Leben begegnen wollen.
Wir beginnen, unser Geburtsrecht in Anspruch zu nehmen und unser Sterberecht. Wir beginnen damit, Dimensionen als unsere eigenen zu beanspruchen, die mit der Tiefe des Göttlichen erfüllt und mit dem Leben verbunden sind.
Möge es unsere Hinterlassenschaft an zukünftige Generationen sein, damit zu beginnen, die Schleier zu lüften und in zunehmender Klarheit das Licht zu enthüllen, das unsere wahre Natur ist.
Mögen wir jeden Moment in tieferer Bewusstheit der niemals endenden liebevollen Muster von Entstehen und Vergehen leben, des ewigen Ein- und Ausatmens des Lebens.
Mögen wir es so aussprechen, dass alle es hören können: dass dieses Leben ein Geschenk ist - und dass wir es jetzt, genau in diesem Moment, in unseren Händen halten.
Mögen wir intensiv die meditativen Praktiken anwenden, die unser tieferes und umfassenderes Bewusstsein inmitten unseres Lebens nähren werden, anstatt nur am Rande, und die uns erlauben, den Menschen Liebe und Hoffnung zu geben, die in Angst und Leiden gerade nur überleben können.
Mögen wir, indem wir unser Verstehen über den Tod vertiefen, unser Leben hier und jetzt in unseren Ausdruck von Gnade, und in noch umfassendere Dimensionen von Mitgefühl und Weisheit transformieren.
- Veetman-